Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich die Übersetzungswissenschaft als eigenständige Disziplin etabliert. Auch für die Bibelübersetzung konnte diese Entwicklung nicht ohne Auswirkung bleiben. Als einer der Väter der modernen Übersetzungswissenschaft gilt EUGENE A. NIDA, Koordinator für die übersetzungswissenschaftliche Forschungsarbeit des Weltbundes der Bibelgesellschaften in New York, mit seinem 1964 veröffentlichten Buch "Toward a Science of Translating". Es ist sicherlich kein Zufall, dass eine der wichtigsten Anregungen im übersetzungswissenschaftlichen Bereich aus der Arbeit der Bibelübersetzung stammt. Denn mit der Intention, das Wort Gottes in aller Welt bekannt zu machen, verknüpfte sich stets auch der Wunsch, die Bibel allen Menschen in ihrer Muttersprache zugänglich zu machen.
NIDA, der selbst jahrzehntelang Erfahrungen als Bibelübersetzer in verschiedenen Kulturen gesammelt hatte, stellte die "formale Äquivalenz" einer Übersetzung der "dynamischen Äquivalenz" gegenüber. Während die auf formaler Äquivalenz beruhende Übersetzung sowohl dem Inhalt als auch der Form des Ausgangstextes verpflichtet ist, Grammatik, Satzbau und Redewendungen Wort für Wort nachvollzieht und bestimmte Begriffe immer mit ein und demselben Terminus wiedergibt, versucht die kommunikative (früher dynamisch-äquivalente) Übersetzung, beim Leser die gleiche Wirkung zu erzielen, wie das Original sie auf seinen Leser ausübte. Sie folgt im Hinblick auf Grammatik, Satzbau und Redewendungen der Zielsprache und übersetzt die ausgangssprachlichen Begriffe je nach Kontext verschieden.
Um dem Übersetzer einen Maßstab an die Hand zu geben, formuliert NIDA das Prinzip des "closest natural equivalent": "equivalent" bedeutet, Ausgangstext und Zieltext sollen in einem solchen Verhältnis zueinander stehen, dass der Zieltext das Original vollgültig vertreten kann; "close" beschreibt die enge Gebundenheit an die Botschaft (nicht die Form!) des Ausgangstextes, "natural" weist darauf hin, dass sich der Zieltext nicht wie eine Übersetzung lesen soll, sondern möglichst natürlich zu klingen hat.
Die von NIDA entwickelten Prinzipien setzten sich bald im Bereich der modernen Bibelübersetzung durch. Sie erwiesen sich in den verschiedensten Sprachen und Kulturen als gut umsetzbar und erzielten hinsichtlich der Verständlichkeit und Akzeptanz der Texte große Erfolge. "Hoffnung für alle" ist eine der Bibelübersetzungen, die sich auf NIDAS Grundsätze und ihre Weiterentwicklung und Verfeinerung stützen. Der Leser soll heute genau das verstehen, was der Ausgangstext für den damaligen Leser zum Ausdruck brachte.
Bei der Übersetzungsarbeit ist es dabei wichtig, sich drei grundlegende Regeln stets vor Augen zu halten:
Die unmittelbare Verständlichkeit, die direkte Wirkung auf den Leser ist das große Plus der kommunikativen Übersetzung. Auch wer mit der Bibel nicht vertraut ist, wird sich in einer solchen Übersetzung gut zurechtfinden; das Vorurteil, die Bibel sei ein "Buch mit sieben Siegeln", wird sich ihm nicht bestätigen. "Kommunikative" Übersetzungen sind in unserer gegenwärtigen kulturellen Situation von besonderer Bedeutung, denn mit dem über Jahrzehnte gesunkenen Interesse an der Bibel schwindet auch die Vertrautheit mit biblischen Inhalten und den traditionellen kirchlichen Sprachformen. Aber auch Menschen, die mit der Bibel vertraut sind, schätzen kommunikative Übersetzungen, weil sich ihnen manches dadurch leichter erschließt oder weil eine andere Formulierung neues Licht auf einen Text fallen lässt, an dessen Wortlaut man sich schon allzu sehr gewöhnt hatte.
